Ökonomie und Entfremdung

Dolf Schiesser über die ökonomischen Wurzeln der Entfremdung Kapitalismus Ortsende-Schild

In der Alltagssprache wird Entfremdung meist als eine soziale, psychologische oder moralische Kategorie benutzt. In Wahrheit hat sie jedoch wesentlich ökonomische Wurzeln und kann, ja muss somit als eine ökonomische Kategorie verstanden werden.

Menschen als zugleich Natur- wie Sozialwesen definieren sich nicht durch feststehende Merkmale, sondern durch ihr theoretisches und praktisches, also sinnliches Verhältnis zur außer ihnen befindlichen Natur. Dabei ist es für das Gattungswesen Mensch spezifisch, dass dieses Verhältnis sozial gestaltet wird und somit einem permanenten historischen Wandel unterliegt. Ob ihm das bewusst ist oder nicht, verändert er damit permanent die äußere Natur, sein Verhältnis zu ihr, sein Verhältnis zur Sozialität (Gesellschaft), sein Verhältnis zu sich selbst (Selbstbewusstsein) und schließlich sogar seine eigene Natur (sozialisierte Natur). Das sinnliche Wesen Mensch ist auf ebenso sinnliche Gegenstände außerhalb von ihm (äußere Natur) angewiesen, und er kann sich auch nur in diesem Verhältnis verwirklichen. Sein Wesen ist somit ein sinnlich-gegenständliches Sein, was ihn zu einem gleichermaßen leidenden wie leidenschaftlichen Wesen macht.

Mensch wie Tier leben von und durch die Natur, womit beider Tätigkeit in Bezug zur Natur ihre jeweilige Lebenstätigkeit ist. Ab einem bestimmten Entwicklungsstadium tritt der Mensch jedoch aus seiner totalen Naturverhaftetheit, in der seine Lebenstätigkeit wie beim Tier völlig von den Naturbedingungen abhängig ist, heraus und macht seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens uns seines Bewusstseins. Die solchermaßen gewollte, bewusste und zielgerichtete (bessere Existenzsicherung) Auseinandersetzung mit äußerer Natur nennt man ARBEIT. Ab hier reden wir von bewusster Lebenstätigkeit, die es dem Menschen erlaubt, sich mittels Arbeit von seinen Naturbestimmungen, wenn auch nie total, so doch relativ weitgehend zu befreien und nun selbst das Maß zu bestimmen, wonach er produzieren will. Da dieser Emanzipationsprozess von Naturbestimmtheit mittels bewusster Arbeit erfolgt, die ihrerseits überwiegend sozial bestimmt ist, entwickelt sich der Mensch vom einstigen Naturwesen zunehmend zu einem Sozialwesen. Letztlich bleibt er natürlich stets auch ein Naturwesen, aber seine soziale Bestimmtheit wird immer wesentlicher: die Naturgeschichte des Menschen wird zu seiner Sozialgeschichte.

Es sollte festgehalten werden, dass die hier skizzierte Entwicklungsgeschichte des Gattungswesens Mensch ein Befreiungsprozess vom Naturzwang zu zunehmend freierer Bestimmung menschlicher Lebenstätigkeit ist und somit einen Fortschritt von weniger entfalteten (entwickelten) zu entfalteteren (entwickelteren) Daseinsformen menschlicher Existenz darstellt. Bewegt wurde und wird dieser Prozess einzig durch Arbeit. Das ist der menschliche Wahrheitskern der zynischen, verlogenen und unmenschlichen Nazi-Parole „Arbeit macht frei“. In der Natur gibt es keine Freiheit, nur Notwendigkeit. In menschlichen Gesellschaften gibt es immerhin Bedingungen für die Möglichkeit von Freiheit. Daher führen wir heute weit mehr gesellschaftliche Kämpfe um Freiheit von menschengemachter Herrschaft als solche gegen die Herrschaft der Natur.

Indem der Mensch durch Arbeit (Praxis) die ihm äußere Natur zu einer „für ihn“ macht und durch werk-tätige, also gegenständliche Entäußerung seiner Lebenstätigkeit umgestaltet, spiegelt und bestätigt er sich selbst in der solchermaßen nach menschlichem Maßumgestalteten Natur, womit Natur zunehmend zu Kultur wird.

Da Menschen nicht als Solisten arbeiten, sondern für, durch und mit anderen Subjekten, werden sie zu gesellschaftlichen Wesen. Dieses formal gesellschaftliche Dasein wird aber erst dann zu einem wirklich menschlichen Dasein, wenn sie sich ihrer Gesellschaftlichkeit bewusst sind und auch gesellschaftlich handeln bzw. arbeiten. Erst dann wäre der Beginn einer „menschlichen Menschheitsgeschichte“ gelegt, die nach menschlichen Gesetzen bewusst geplant, durch kollektiv-gesellschaftliche Praxis verwirklicht wird und von naturhaften, also un(nicht)-menschlichen Determinanten befreit ist. Dieses Entwicklungsstadium ist zwar immerhin schon denkbar, nicht aber historisch realisierbar. Die wirkliche „Menschwerdung des Menschen“, also die volle Entfaltung seiner menschlichen Wesenskräfte, ist zwar aufgrund der erreichten notwendigen materiellen Bedingungen möglich geworden, wird aber durch die kapitalistische Produktionsweise, die ihr innewohnende Entfremdung und Ideologisierung des Bewusstseins blockiert.

Entfremdung von der Natur
Sich von der Natur unabhängig zu machen, bedingt eine Praxis, die die Natur dem menschlichen Willen und Bedürfnis unterwirft. Damit schafft sie aber zugleich ein Verhältnis, in dem sich Mensch und Natur fremd gegenüber stehen. Natur wird zum bloßen Objekt der Bearbeitung bzw. Ausbeutung. Je mehr Werkzeuge der Mensch zwischen sich und die Natur schiebt, umso entrückter und äußerlicher wird sie ihm, was übrigens auch für seine eigene Naturhaftigkeit gilt. Dies ist für einen Befreiungsprozess von der Natur unvermeidlich.

Eine Entfremdung beginnt nun dort, wo eine Inbesitznahme der Natur realgeschichtlich nicht bewusst geplant und nicht gesellschaftlich erfolgt, sondern hinter dem Rücken des menschlichen Bewusstseins und privat. Die kapitalistisch arbeitsteilige Organisation der Arbeit mit dem Ziel, materielle Not zu beseitigen, führt zu einem Dilemma. Der, der Natur bearbeitet (Arbeiter), eignet sie sich nicht an und der, der sie sich privat aneignet, bearbeitet sie nicht. Wenn Bearbeitung und Aneignung von Natur aber auf verschiedene Lebenstätigkeiten fallen, die gesellschaftlich in verschiedenen Klassen organisiert sind, sind beide Klassen auf jeweils ihre Weise von der Natur entfremdet. Das Privatinteresse der „Aneigner“ kann Natur nur noch als Quelle neuerlicher Akkumulation eines Mehrproduktes (Im Kapitalismus: Mehrwerts) ansehen. Für das Kollektivinteresse der „Bearbeiter“ ist Natur nur noch fremde und lästige Quelle mittelbarer (Geld) Existenzsicherung, statt Möglichkeit, sich im Produkt seiner Lebenstätigkeit spiegeln und bestätigen zu können – ein Teil der Lebenstätigkeit wurde enteignet.

Wenn Kapital Natur nur als Quelle von Mehrwert ansehen kann, dann bezieht sich das auch auf die Naturhaftigkeit des „Bearbeiters“, also des Arbeiters. Kapital lässt durch ihn Natur für sich arbeiten Seine lebendige Arbeit wird in und durch die Aneignung zu toter Arbeit – und nichts anderes ist Kapital. Arbeit hat sich dann nicht nur von der Natur losgelöst, sondern auch vom Menschen selbst. Wenn unter der Herrschaft des Kapitals jegliche lebendige Arbeit zu toter Arbeit wird, erscheint äußere Natur wie auch die des Arbeiters nur noch als totgeschlagene Materie.

Kapitalismus als historisch notwendig gewordene und entwickeltste Form menschlicher Praxis zur Überwindung eigener Naturhaftigkeit verdinglicht zugleich alle menschlichen Wesenskräfte in totes Kapital, das dem Menschen fremd gegenüber tritt und seine frühere Knechtschaft des natürlichen Daseins in eine der Sachenwelt verwandelt. Allerdings ist diese „zweiten Natur“ diesmal durch ihn selbst produziert. Will er den Fortschritt von der Fremdbestimmtheit durch Natur zu einer durch Sachen (Kapital) emanzipatorisch zu Ende führen, müsste er sich künftig die im Kapital verdinglichten menschlichen Wesenkräfte praktisch-sinnlich wieder aneignen. Der Mensch muss also durch seine totale Entfremdung hindurch, um sie überhaupt erkennen und sodann aufheben zu können. So paradox es klingt: die Gesamtheit seiner positiven menschlichen Wesenskräfte kann der Mensch erst in deren materiell gewordenen Negation – dem Kapital – erkennen. Dann nämlich, wenn er nicht mehr unter dem Zwang steht, materielle Not wenden zu müssen.

Entfremdung von der Gesellschaft
In dem Maße, wie der Mensch durch seine Arbeit und kollektive Selbstschöpfung sein naturhaftes Dasein aufhebt und zu einem gesellschaftlichen Dasein gelangt, wird er erst ein wirklich(!) menschliches Wesen und bildet in diesem Maße auch Individualitäten aus. Individualitäten aber bestimmen sich dann nicht mehr durch ihr Verhältnis zur Natur, sondern durch das zur Gesellschaft. Bewusste und praktizierte Gesellschaftlichkeit wäre die fortgeschrittenste und letzte Stufe einer wahren Überwindung der Naturgeschichte des Menschen und zugleich Beginn einer wirklichen Menschheitsgeschichte. Auch wenn sich im Kapitalismus die bewusste Gesellschaftlichkeit des Menschen mittelbar und abstakt bereits erahnen lässt, so kann die dialektische Zusammengehörigkeit von Individuum und Gesellschaft dennoch nicht wirklich praktiziert und sinnlich erfahren werden – außer vielleicht in privaten, solidarischen, außerökonomischen Kleinstgruppen. Im Gegenteil sind Individuum und Gesellschaft durch die bisherige menschliche Praxis gegeneinander verdinglicht und füreinander abstrakt geworden: Individuum ist eine reale, materiell existierende Abstraktion von Gesellschaft und Gesellschaft eine solche vom Individuum. Emanzipatorisch notwendig für eine Aufhebung dieser Entfremdung wäre eine kollektive Bewusstwerdung dieser Abstraktionen und eine Erarbeitung von Produktionsverhältnissen, in denen das Individuum auch wirklich als „besonderes Gemeinwesen“ praktisch tätig (arbeiten) werden kann.

Entfremdung von der Arbeit
Auf der basalen ökonomischen Ebene erscheint die menschliche Gesellschaft im Kapitalismus als vollständig verdinglicht und als nicht auflösbarer Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Für das Kapital als verdinglichte, tote und privat angeeignete Arbeit existiert die lebendige Arbeit des Menschen nur noch als für seine Existenz notwendige Ware. Umgekehrt erscheint der lebendigen Arbeitskraft das Kapital – die tote Arbeit – nur als eine für die physische Existenz des Arbeitenden notwendige Sache(!). Kapital und Arbeit sind sich fremd geworden und stehen sich zudem gegenseitig als fremde, feindliche Mächte gegenüber.

Lebenstätigkeit des Menschen war definiert als lebendige Bearbeitung der Natur, die in Gesellschaftlichkeit erfolgt. Unter der Herrschaft toter Arbeit (Kapital) können lebendige Arbeit und Gesellschaftlichkeit für den Arbeitenden nur noch als Negation dort erscheinen, wo sie keine Lebenstätigkeit mehr ist: in der veräußerten Lohnarbeit. Umgekehrt kann seine Lebenstätigkeit nur noch dort erscheinen, wo er weder für Lohn noch wirklich gesellschaftlich arbeitet: in der privaten Freizeit. Da, wo der Arbeiter (lohn)arbeitet, ist er nicht bei sich und wo er bei sich ist, (lohn)arbeitet er nicht.

Entfremdung vom Produkt
Menschen haben in ihrer Geschichte durch ihre Lebenstätigkeit notwendig eine Gesellschaft erarbeitet, die ihnen im Kapitalismus als eine Warenansammlung – als tote Arbeit also – fremd und lebensfeindlich gegenüber tritt. Der Preis für die Entwicklung von einer materiell ungesicherten Naturabhängigkeit zu einer materiell gesicherten Naturunabhängigkeit scheint im Verlust, ja der Negation alles wahrhaft und wirklich Menschlichen zu liegen. Er ist allseitig entfremdet, indem er all seine Wesenskräfte in ein außer ihm seiendes und fremd gegenüber tretendes, un-menschliches Wesen (Ding) entäußert: das Produkt als Ware. Danach ist der Mensch „entleert“ und das von ihm geschaffene Produkt „erfüllt“; das lebendige Wesen erscheint im toten Ding und das tote Ding im lebendigen Wesen – z.B. Arbeitskraft als Ware und Warenbesitz als menschlicher Reichtum. Der Mensch arbeitet sich frei aus der Naturherrschaft in die Sachherrschaft und steigt auf von der naturbedingten Unmündigkeit zur mensch-bedingten (Kant: ‚selbstverschuldete’).

Wenn unter der totalen Herrschaft der Sachenwelt alles Menschliche in eben diesen Sachen erscheint, dann in einer Sache am deutlichsten: in dem „Ding an sich“ – dem Geld. Geld ist das entäußerte Vermögen der Menschheit: es kann alles! Einzig das Denken verbleibt dem Menschen, das Sein aber ist Geld. Somit bleibt das Denken ein abstraktes, unwirkliches Vermögen, während das Geld ein konkretes, wirkliches Sein ist.

Entfremdung von sich selbst
Seinen eigenen Reichtum entäußert der Mensch in Produkte, die ihm in Form der Ware als verselbständigte und fremde Macht gegenübertreten und ihn somit menschlich verarmen lassen. Damit befindet sich nun alles Lebendige in der un-menschlichen, weil toten Ware, was bedeutet, dass der Mensch die Herrschaft des Unmenschlichen über das Menschliche selbst produziert. An der „totesten“ aller Waren, das jeglichen Gebrauchswert eliminiert hat, dem Geld also, kann man gut erkennen, wie dieses tote Ding wie ein Mensch handelt. Es ist tot und nicht menschlich, aber alles, was es tut, gerät ihm zu wirklichem Leben. Die menschliche Arbeit ist lebendig, aber alles, was sie tut, gerät ihr unter der Hand zu toter Dinghaftigkeit. Menschliche Aneignung gerinnt so zu bloßem un-wesentlichem Privatbesitz, was bedeutet, dass alle physischen und geistigen Sinne dem Menschen so entfremdet sind, dass nur noch der Sinn des Habens verbleibt.

In der toten Arbeit (Kapital) wie in der Lohnarbeit, die von jeder Aneignungsmöglichkeit ausgeschlossen ist, wird der Mensch sich selbst zum Ding, zur verwertbaren Ware, zum Objekt. Er wird sich – mit all seinen Sinnen und Organen - selbst ein fremder, un-menschlicher Gegenstand, seine Lebensäußerung wird zur Lebensentäußerung und seine Verwirklichung zu einer fremden Wirklichkeit.

Entfremdung ist also ein notwendiges, unvermeidbares Phänomen auf dem gattungsgeschichtlichen Emanzipationsweg aus der Naturverhaftetheit des Menschen hin zur menschlichen Selbstschöpfung und Naturbeherrschung. Erst ein menschliches Entwicklungsniveau, das frei von materieller Not ist, stellt die Bedingung für die Möglichkeit dar, den Weg aus der allseitigen Entfremdung des Menschen zu beschreiten. So wie er einst sich die „erste Natur“ angeeignet hat, muss er sich dazu die von ihm selbst produzierte „zweite Natur“ der Dinge/Verdinglichungen wiederaneignen. Seine verdinglichten und fremd gegenüber tretenden Wesenskräfte können dann zu wirklichen und wahrhaft menschlichen Wesenskräften werden. Die historische Aufgabe des „Zurückholens in den Menschen hinein“ all seiner Ent- und Veräußerungen kann nur gesellschaftlich erfolgen und ist eine gleichermaßen sinnliche, praktische wie theoretische Aufgabe. Dies ist gleichbedeutend mit einer radikalen Umgestaltung der Produktionsverhältnisse. Erst dann kann er wirklich all seine Sinne frei entfalten. Das z.B. solcherart wahrhaft menschlich gewordene Auge wird anders genießen als das rohe, unmenschliche Auge, das menschliche Ohr anders als das rohe Ohr, etc.

Entfremdung ist im Sinne einer ‚politischen Ökonomie’ durchaus auch eine ökonomische Kategorie. Wollen Gewerkschaften nicht nur Vertreter von Lohnarbeit im entfremdenden Kapitalismus sein, sondern auch an ihren seit Gründung vorhandenen Vorstellungen von Überwindung desselben festhalten, dann müsste ‚Entfremdung’ in ihrer Politik, besonders aber in der Bildungsarbeit eine wesentliche Rolle spielen. Immerhin geht es um ihr Selbstverständnis – vor allem aber um die Menschen.