Köpfe der ver.di Bildungsarbeit

Bildungsarbeit ist auch Mitgliederentwicklung

Dina Bösch leitet ab sofort das Ressort 14 und ist damit im ver.di Bundesvorstand zuständig für die Bereiche Mitbestimmung, gewerkschaftliche Bildung und die Bildungsstätten.

Du bist neu im ver.di Bundesvorstand – aber dennoch keine Unbekannte …

Dina Bösch: Ich wollte seit jeher im Bereich politische Bildung arbeiten, habe deshalb von 1981 bis 1988 in Hannover Erwachsenenbildung und außerschulische Jugendbildung studiert. Mit dem Diplom in der Tasche war es dann kein Zufall, dass ich bei der damaligen DAG gelandet bin und dort als Jugendbildungsreferentin anfing. Gewerkschaftliche Jugendbildungsarbeit und die Betreuung der JAVen in den Bezirken gehörten damals zu meinen Aufgaben. Die Bildungsarbeit hat mich aber schnell mit der Organisation verbunden, denn dort konnte ich Theorie und Praxis verknüpfen. Die ersten eigenen Seminare in außerschulischer Jugendbildung folgten. Ich hatte meinen Platz in der Gewerkschaft gefunden, denn wo hätte ich besser politische Bildung betreiben können als in einer Gewerkschaft!? Diese Erfahrungen sind bis heute Quelle meiner Entwicklung geblieben.

1990 – ab dann in Hamburg, meiner Traumstadt – konnte ich auf Bundesebene ein Bildungsprogramm für junge Frauen in der DAG entwickeln. Daneben habe ich als Gewerkschaftssekretärin der Bundesjugendleitung die GJAVen im Versicherungsbereich betreut. Lobbyarbeit im Bundesjugendring gehörte dabei auch zu meinem Arbeitsfeld. Als Referentin in der Bundesfrauenabteilung habe ich mich weiterhin mit dem Thema Bildungsprogramme für Frauen befasst und u. a. eine Kampagne entwickelt, wie man Frauen für die Gremienarbeit gewinnen und kontinuierlich qualifizieren kann. Schließlich haben internationale Erfahrungen, transnationale Bildungsarbeit und meine Tätigkeit als Betriebsrätin in der DAG-Hauptverwaltung meinen Erfahrungsschatz weiter wachsen lassen.

Während der letzten Jahre hast Du auch die Rolle der Arbeitgebervertreterin kennen gelernt …

Dina Bösch: 1996 übernahm ich die Leitung des ver.di Bildungszentrums in Walsrode und fand mich vor Ort in der Rolle als Arbeitgebervertreterin wieder. Die Interessen der Beschäftigten und die der Organisation immer in Einklang zu bringen, ist tatsächlich mitunter schwierig. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, die nicht uneingeschränkte Zustimmung bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern finden. Man bewegt sich quasi auf zwei Bühnen: Die eine – die inhaltliche – ist leicht zu bespielen, weil alle Beteiligten in der Regel an einem Strang ziehen, wenn es um Seminarkonzepte und die Entwicklung des Hauses geht. Die andere Bühne – auf der ich die Rolle der Arbeitgebervertreterin einnehme, ist da deutlich schwieriger auszufüllen.

Prägend für mich war dann die Zeit der ver.di-Gründung. Dabei musste auch die Bildungsarbeit der nächsten Jahre umrissen werden. Trotz vieler Probleme und Fragen habe ich rückblickend diese Zeit genossen. Schließlich erlebt man solche Fusionsprozesse nicht häufig. Eine Bereicherung waren vor allem der Kontakt und der Austausch mit vielen neuen Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Ursprungsgewerkschaften, die neue Sichtweisen einbrachten.

Bildung hat also bislang immer deinen Weg geprägt …

Dina Bösch: In meiner Rede auf dem Bundeskongress habe ich gesagt: Bildung ist der Schlüssel für die Entwicklung einer gerechten und solidarischen Gemeinschaft. Mit meiner Arbeit will ich diejenigen unterstützen, die als gesetzliche Interessenvertretung oder Vertrauensleute vor Ort wichtige Arbeit leisten.

Was wirst du in der Arbeit im Ressort fortführen, welche neuen Akzente willst du setzen?

Dina Bösch: Man kann z. B. wunderbar auf dem aufbauen, was die Bildungsstätten in den letzten Jahren erarbeitet haben. Deren Qualität ist in jeder Hinsicht gewachsen. Daran anknüpfend möchte ich den Bereich Marketing für die Häuser weiter ausbauen. Marketing ist in diesem Sinne nach innen und außen gerichtet. Mein Ziel ist es, dass jeder Bildungsinteressierte, jeder Tagungsveranstalter zuerst an die ver.di Bildungsstätten denkt, wenn er oder sie auf der Suche nach entsprechenden Seminarangeboten und Tagungsmöglichkeiten ist. Unsere Häuser können sich wahrlich sehen lassen! Fortführen möchte ich die gute Zusammenarbeit mit der Bundesbildungskommission – weiter ausbauen werde ich den Kontakt zu den Landesbildungskommissionen.

Darüber hinaus bin ich sehr froh, dass zum Ressort 14 auch der Bereich Mitbestimmung gehört. Die Weiterentwicklung der Vertrauensleutearbeit halte ich für enorm wichtig. Bisher ist da schon einiges geschehen, z. B. die Bundesvertrauensleutekonferenz. Ich habe gelernt, dass die Vertrauensleute eine entscheidende Säule unserer Arbeit sind. Unser Anspruch ist es deshalb, die Vertrauensleute so gut wie möglich zu stärken. Denn was nützt die tollste Idee, die am Schreibtisch geboren wird, wenn in den Betrieben und Dienststellen niemand etwas damit anfangen kann und sie nicht umgesetzt wird.

Im Bereich Mitbestimmung bin ich gespannt auf die zukünftige Entwicklung der EU-Betriebsräte. Aktuell bereiten wir die Materialien für die Personalratswahlen im nächsten Jahr vor. Für die Aufsichtsräte werden wir spezielle Seminarangebote entwickeln.

Ist ver.di reif für deine Idee?

Dina Bösch: Das Thema Bildung ist in ver.di präsent. Jeder Haupt- und jeder Ehrenamtliche wird bestätigen, dass Bildung unverzichtbar und wichtig ist. Das Problem beginnt auf der Ebene der Umsetzung der Ideen. Für mich liegen entscheidende Schnittstellen bei den ver.di Bildungsanbietern und den Fachbereichen. Diese Zusammenarbeit muss weiter verstärkt werden. Es geht darum, bedarfsorientierte Angebote zu entwickeln. Gleichzeitig müssen wir Bildungsangebote initiieren, die vom Bisherigen abweichen und neue Akzente setzen. Für die Vertrauensleutearbeit vertraue ich auf den Bundesvertrauensleuteausschuss.

Wie soll die Ansprache der Teilnehmenden aussehen?

Dina Bösch: Es geht vordergründig zunächst darum, attraktive Titel für unsere Seminare zu formulieren, die die Menschen ansprechen; da ist Kreativität gefragt. Noch wichtiger ist aber, dass den Teilnehmenden klar wird, was ihnen Bildung und unsere Seminare bringen, wie die Erfahrungen und das Wissen daraus in ihre praktische Arbeit einfließen können. Das zwingt uns auch zur Aktualität in den Angeboten – Stichwort RFID-Chips und die Folgen für die Beschäftigten im Einzelhandel. In diesem Verständnis werden die Übergänge zwischen Bildung und Beratung fließend, denn wir beraten beispielsweise die Kolleginnen und Kollegen der Gremien zu aktuellen Themen, indem wir sie qualifizieren und zum eigenständigen Handeln ermutigen.

Und dein persönlicher Arbeitsstil …

Dina Bösch: Klarheit, Kommunikation, Offenheit und Vernetzung sind mir wichtig. Ich will und muss meine Arbeit mit anderen rückkoppeln können, um festzustellen, ob meine Ideen für die Praxis taugen. Gleichzeitig freue ich mich darauf, gemeinsam mit Anderen Ideen zusammen zu entwickeln. Mehr Köpfe können auch mehr denken.

Nach dem Kongress ist vor dem Kongress – welche Meilensteine liegen vor dir?

Dina Bösch: Unser großer gemeinsamer Meilenstein ist die Mitgliederentwicklung. Bildungsarbeit und Mitgliederentwicklung liegen näher beieinander als man auf den ersten Blick glauben mag. Ich möchte schon in den kommenden Monaten eine Kampagne aufsetzen, die genau dieses Thema umsetzt. Denn die Erfahrung zeigt, dass in der konkreten Bildungsarbeit ungeheures Potenzial für die Mitgliedergewinnung steckt. Oft ist es so, dass unter den Seminarteilnehmenden nur etwa 50 % organisiert sind. Mein Ziel ist, dass diese Kolleginnen und Kollegen, die noch nicht ver.di-Mitglied sind, nach der Seminarwoche sich zumindest für unsere Organisation interessieren – besser noch ihr beitreten. Dazu müssen wir auch unsere ehrenamtlichen Mitglieder und unsere Teamerinnen und Teamer motivieren und qualifizieren, sodass sie neue Mitglieder werben können. Die derzeitige Stimmung ist eher pro-gewerkschaftlich. Diese Chance müssen wir nutzen; wir müssen ganz offensiv vorgehen und zeigen, welche Power in ver.di steckt und wie vielfältig diese Organisation ist. Unsere Vielfalt gemeinsam und solidarisch einsetzen; das ist unsere besondere Stärke.

Angenommen, du hättest drei Wünsche an die Bundes- und Landesregierungen frei. Welche wären das?

Dina Bösch: In den Ländern; Bildungsurlaubsgesetz für alle Bundesländer! Denn die gibt es ja noch nicht überall. Und Schulgesetze, die gemeinsames Lernen für alle – ohne die Segmentierung von Kindern in Haupt- und Realschule bzw. Gymnasium – ermöglichen, weil diese tradierte Schulform Chancengleichheit vom ersten Schultag an verhindert. Für die Bundesebene wünsche ich mir die Durchsetzung des Mindestlohns.